Montag, 13. Januar 2014

Australientagebuch von Larissa 16.09. - 23.09.

Welcome to Mt Garnet.

Der Abschied von Ole fiel schwer. Nicht nur deshalb, weil ich von dem Zeitpunkt an so ziemlich auf mich allein gestellt war, sondern auch, weil keiner von uns gedacht hätte, dass wir uns so schnell trennen würden. Ich sah das Ganze aber auch als eine Herausforderung an, und als eine Möglichkeit, mich stärker weiterzuentwickeln, als ich es getan hätte, wenn wir beide die komplette Reise gemeinsam verbracht hätten. Womit ich übrigens Recht behalten sollte, wie ich nun nach fast 3 Monaten, in denen ich Ole nicht gesehen habe, mit gutem Gewissen behaupten kann.
Ich sah auf dem vierstündigen Weg nach Mt Garnet nun zum ersten Mal wirklich etwas von der australischen Landschaft, und Cairns liegt nun mal umgeben von Regenwald. Mit dem Bus ging es während des Sonnenaufgangs auf einen Berg, von dem aus man einen Blick über das weite Land werfen konnte, und die Busfahrt verbrachte ich hin- und hergerissen zwischen meinem Wunsch zu schlafen und dem Wunsch, noch mehr von diesem Anblick in mich aufzunehmen.


in einem Cafe auf dem Weg nach Mount Garnet

Am Ziel stellte ich fest, dass die Stadt meines Arbeitsplatzes so ziemlich aus einer einzigen Straße bestand (was ich mir dank der Bevölkerungsanzahl auf Wikipedia schon vorher denken konnte) und der Bus hielt ca. 10 Meter vor dem Pub. Ich betrat also den Mount Garnet Pub und wand mich direkt an den Mann hinter der Bar, der sich als mein Chef Marcus herausstellte (ich hatte ihn ja noch nie gesehen). Kurz darauf lernte ich seine Frau Toni kennen, die mir das Gelände zeigte, und begegnete Martin, dem anderen (dänischen)Backpacker, der hier arbeitet. Bis dahin war ich davon überzeugt gewesen, dass ich hier mit zwei Backpackerinnen aus Irland arbeiten würde, aber wie sich herausstellte hatte ich Marcus am Telefon falsch verstanden (ich konnte nämlich nur jedes 3. Wort verstehen, weil sein australischer Akzent so stark war)...
Das Mount Garnet Hotel besteht so ziemlich aus zwei zweistöckigen Gästehäusern, einem in dem Martin und ich schlafen und Platz für ein paar weitere Gäste ist (außerdem haben Toni und Marcus ein paar Räumlichkeiten unten) und einem anderen 20 Meter entfernten, dass alle "Siberia" nennen - keiner weiß warum, so hieß es laut Toni schon immer.

Siberia

Dann gibt es eine Rasenfläche mit Wäscheleinen und ein paar Beeten (wo Martin, wie sich später herausstellte, nach Absprache mit Marcus Gras anbauen durfte), einem großen Abstellraum für Bettwäsche etc, eine Küche, und den Pub mit Toiletten und so eine Art Speisesaal. Alles ist sehr einfach gehalten, vor allem die Zimmer, von denen es nur ca. 15 gibt, denn meistens übernachten hier nur einfache Arbeiter.
Toni, (deren Englisch ziemlich einfach zu verstehen war), sagte mir dann, ich solle mich erstmal etwas einleben und dann in den Pub runterkommen. Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen und packte den Inhalt meines kompletten Backpacks in meinen eigenen Kleiderschrank. Schluss mit dem aus-dem-Koffer-Leben! Und solange keine Frauen im Hotel übernachteten, würde ich sogar das Bad ganz für mich haben. Luxus, ich hab dich wieder! Abgesehen von den drei sehr unluxuriösen - und zum Glück sehr europäisch aussehenden - Spinnen, mit denen ich mir die nächsten drei Monate mein Zimmer teilen würde.

 
 
mein Zimmer

 
 
der Balkon

Aussicht vom Balkon
 
der Flur auf meiner Etage

im Fernsehzimmer

Ich wollte meinen Chef und meine Chefin dann jedoch nicht allzu lange auf mich warten lassen - und einen arbeitswilligen Eindruck machen ;) - und ging bald in den Pub runter. Nachdem ich sofort mit Martin, den ich auf Anhieb sympathisch fand, ins Gespräch kam, lies ich mich von Toni und Marcus in die Bar einweisen.
Wer mich kennt, weiß ja, dass ich schon mal bei Semmler in Löhne gearbeitet hab (Dorfkneipe/Restaurant). Und selbst wenn man noch nicht im Service gearbeitet hat, aber dafür ab und zu mal gern ein Schäpschen trinkt - oder einfach gutes Allgemeinwissen hat - dann kennt man ja zumal schon einige internationale Schnapssorten.
Aber selbst mit einer Menge Arbeitserfahrung oder einem gigantischen Allgemeinwissen, könnte mir wahrscheinlich keiner von euch verraten, dass ein "pot" in Australien ein kleines und ein "schooner" ein großes Glas ist. Und ich wette, keiner von euch könnte mir mehr als 1 australische Biersorte nennen, wenn ihr noch nie hier wart. Problematisch wird es dann, wenn der Pub, in dem ihr arbeitet, ca. 20 verschiedene Biersorten verkauft, von denen es dann noch manche Sorten in Dosen und manche Sorten in Flaschen gibt, von manchen Sorten sogar beides. Und für fast alles gibt es eine eigene Taste wenn man sie in die Tasse eingibt. Dann muss man noch wissen, ob es ein light beer oder ein heavy beer ist, denn das sind ja auch nochmal unterschiedliche Preise. Ich will jetzt auch gar nicht so sehr ins Detail gehen. Sagen wir einfach, am Anfang war es verwirrend, aber als mich mein Chef und der 20-jährige Australier Darby, der mittags und abends für die Gäste im Pub kocht und meistens die Abendschichten in der Bar übernimmt, dafür lobten, dass ich beinahe alles schon nach einer Woche drauf hatte, habe ich mir schon gedanklich auf die Schulter geklopft.
Der erste Tag verlief jedenfalls so, dass meine Chefin und mein Chef sich irgendwann vom Acker machten, um nach Atherton zu fahren (wo sie ein Haus haben und wo sie auch die Hälfte der Woche mit ihrer Tochter und einem ihrer beiden Söhne leben), und ich mit Martin von mittags bis abends in der Bar stand den ganzen Tag lang ca. 5 Leute plus minus 1 bediente, mit Martin Billiard spielte, und wir den Pub um 8 Uhr schlossen (ich konnte ja nicht wissen, dass Sonntag und Montag die ruhigen Tage in der Bar waren). Außerdem erzählte er mir, dass es in meinem Zimmer angeblich spuken sollte, weil dort die erste Besitzerin gewohnt hat. Ihr Name ist zwar auf dem Bettgerüst eingraviert, aber in den folgenden drei Monaten hat mir glücklicherweise kein einziger Geist den Schlaf geraubt.

Martin fragte mich dann, ob ich Lust hätte, mit zu Darby zu kommen um ein bisschen zu chillen und einen Film zu gucken. Ich dachte mir dann "klar, warum nicht, was soll ich denn sonst machen - alleine auf meinem Zimmer chillen?". Wer mich kennt, kann bestimmt zwischen den Zeilen die Ironie erkennen ;)
Wir liefen also den Hügel - oder die "Hauptstraße" von Mount Garnet - hoch und nach 7,47 Minuten waren wir da. Der berühmte Ort 21 Garnet Street. Hat sogar eine eigene Facebookseite...
Darby gehört das Haus jetzt (früher hat dort auch der Rest seiner Familie gewohnt, also seine drei Brüder und seine Eltern) und er wohnt dort alleine - abgesehen von dem unerwünschten Besuch von Clancy, seinem 19-jährigen Bruder, der wohl öfter vorbeischaut - und sich einnistet - als Darby lieb ist. Das Haus an sich ist einzigartig. Es war mal ein altes Schulhaus. Es gibt eine Treppe vom Wohnzimmer zum Flur, in der mosaikartige Teile festsitzen, eine selbstgebaute Bar, alte Fenster mit Buntglas, bei denen Teile des Glases rausgebrochen sind, einen prähistorischen Ofen, alte Möbelstücke wie eine Kommode mit beschrifteten Fächern für Essen oder einen alten Schreibtisch; ein Badezimmer mit Steinboden und einem blauen Fenster, sodass das ganze Zimmer blau leuchtet; und im Boden des Hauses sind so viele Ritzen, dass man den dreckigen Boden unter dem Haus sehen kann, denn es ist quasi auf Stelzen gebaut. Nach dieser vielleicht etwas zu detaillierten Beschreibung des Hauses (ihr könnt es allerdings noch auf den folgenden Fotos bewundern wenn es euch interessiert) kommen wir mal zurück zur Handlung.

der Hauseingang, den niemand so wirklich benutzt

der Hauseingang, der in Wirklichkeit benutzt wird

die "Terasse"


 
 
die Küche
 
 
das Wohnzimmer

das Badezimmer

im Schlafzimmer
 
 
Details ums Haus herum

 
die Nachbarschaft

Darbys Bruder Clancy war auch an meinem ersten Tag in Garnet bei Darby, und neben seiner Lieblingsbeschäftigung, Darby auf die Palme zu bringen, indem er das ganze Haus dreckig machte, kochte er uns allen "leckeres" Essen. Ihr fragt euch, warum ich die Anführungszeichen gesetzt habe? Nun ja, wenn man wie ich nicht gerade ein Fleischliebhaber ist, dann muss man sich - in diesem Fall aus Höflichkeit und Respekt - wirklich überwinden, Lamm und Krabben (mit Kürbis und Zwiebeln) zu essen. Ich muss zugeben, dass es wirklich nicht schlecht schmeckte. Vielleicht, weil ich leicht beschwipst und hungrig war. Aber ganz habe ich es dann doch nicht runtergekriegt.
Ich verbrachte den Abend damit, ein paar Drinks zu konsumieren und Martin und Darby dabei zuzusehen, wie sie sich mit Gras zudröhnten. Ich hätte mich ja gerne an dem Gespräch beteiligt, wenn ich nicht meine gesamte Energie dazu hätte aufbringen müssen, Darbys Kauderwelsch von Englisch zu verstehen (denn Australier, die außerhalb der Stadt leben, haben wirklich keinen einfachen Akzent meiner Meinung nach) und dem Gespräch zu folgen. Martin und ich machten uns dann spätabends auf den Weg nach Hause, und ich hatte das Gefühl, dass ich hier wahrscheinlich eine ziemlich coole Zeit haben würde.

Martin zeigte mir dann am nächsten Morgen, was alles erledigt werden musste, bevor man den Pub öffnete (und zwar um 10 Uhr morgens - Sonntags um 11) und wir begannen die Morgenschicht gemeinsam.
Was soll ich sagen, die Konzentration am Vorabend hatte sich gelohnt, denn als mein Chef kurz vor Mittag auftauchte, verstand ich zumindest schon mal die Hälfte von dem, was er sagte. Er bestimmte dann, dass ich ab 12 Uhr alleine in der Bar arbeiten würde, da er und Darby Martins Hilfe in der Küche benötigten, und somit war ich am zweiten Tag in Mt Garnet erstmal direkt auf mich alleine gestellt. Aber irgendwie meisterte ich das alles und lernte relativ schnell. Außerdem heißt es ja immer, man muss selbstständig denken können.
Nach meiner Schicht blieb ich dann auch unten im Pub sitzen, denn mein Boss hatte mir am Telefon ja gesagt, dass er jemanden haben möchte, der auch mal Zeit mit den Gästen verbringt und nicht immer sofort auf sein Zimmer geht. Gesagt, getan, ich kam mit einem dunkelhäutigen Einheimischen ins Gespräch, den alle nur "Big D" nannten (aufgrund seines Körpervolumens). Wie sich herausstellte konnte Big D gut zeichnen, also fertigten wir beide Zeichnungen von Darby an. Meine war eine Anime-Version, während Big D einfach einen hässlichen Teufel gemalt hatte...
Nachdem Darby den Pub geschlossen hatte, gingen wir dann wieder alle zu ihm. Ich fand dann heraus, dass Darby ebenfalls Gras anbaute... sowie quasi jeder in Garnet.

Mittwochabend machte ich mir einen ruhigen Abend alleine auf meinem Zimmer, denn Martin ging auf irgendeine Party der Einheimischen, und ich begann an diesem Tag, mich unwohl in Mt Garnet zu fühlen.

Donnerstagmorgen wachte ich mit dem Gedanken auf, dass ich hier so schnell wie möglich weg wollte, aber ich sagte mir "nein, du stehst jetzt auf, machst dich fertig, gehst arbeiten, und kommst irgendwie durch diesen Tag, und dann wirst du schon sehen, alles wird gut". Genauso war es dann auch, am Ende des Tages war ich stolz auf mich. Ich stellte außerdem fest, dass die überall herumkrabbelnden Eidechsen nicht einmal mehr erwähnenswert waren - schließlich folgten sie einem sogar auf die Toilette - und ich traf Ash und Peter. Ash hatte vor drei Jahren mit einer Freundin als Backpackerin im Mount Garnet Pub gearbeitet, und dann gingen sie, aber dann kamen sie zurück, und dann sind sie nie mehr gegangen.
Den Abend verbrachten Martin und ich wieder auf dem Hügel bei Darby und sahen uns einen Fast & The Furious Film an.

Freitag erklärte mir mein Boss dann, dass ich 700 Dollar cash pro Woche bekommen würde, wofür ich 200 für die Unterkunft abgeben müsse und mich entweder selbst um mein Essen kümmern oder 100 Dollar pro Woche bezahlen könnte, und dann könnte ich alles aus der Küche essen und von der Karte bestellen. Ich entschied mich dafür, 300 Dollar abzugeben. Des Weiteren machten wir ab, dass ich zwischen 35 und 45 Stunden pro Woche arbeiten würde. Alles (außer Wasser), was ich in der Bar trank, wie z.B. Cola oder Alkohol, musste ich ebenfalls bezahlen.

Ich tötete an diesem Tag meine erste Kakerlake mit Kakerlakenspray (mir wurde erklärt, dass man nicht drauftreten darf, da sie Eier in sich tragen und dann 1000 Kakerlaken wiederkommen), was gar nicht so einfach ist, denn die Biester sind echt schnell!


Abends chillten wir mit Justin und Archie, zwei Aborigines, im Pub. Archie schloss mich sofort ins Herz und Justin versprach mir, eine alte Gitarre von ihm für mich zu besorgen, die ich dann mit auf meine Reisen nehmen könnte. Er wollte sie sogar mit einer Ich Gravur versehen lassen. Leider sah ich ihn die letzten 4 Wochen, die ich im Pub arbeitete, nicht mehr und gelang somit nie in den Besitz dieser Gitarre, die ein perfektes Andenken an Australien gewesen wäre...

An diesem Abend lernte ich auch Alleycat, den Ältesten des Stammes der Aborigines, die in der Gegend von Mount Garnet lebten, kennen. Ich habe in den drei Monaten, die ich in Garnet verbrachten habe, nie gelernt, ihn zu verstehen. Ein Gespräch mit ihm war ein einziges Rätselraten.

An einem der Arbeitstage im Pub, an denen mir unheimlich langweilig war, begann ich, den gesamten Pub aufzuräumen und zu putzen. Außerdem hatte ich mir sagen lassen, dass Marcus es nicht mochte, wenn man nur rumstand, da es ja immer was zu tun gab... Ich erklärte Darby und Martin abends dann stolz, was ich heute alles geschafft hatte, und sie lachten mich aus und sagten, das alles könnte ich morgen wieder machen. Ich hielt das für einen Scherz. Leider stellte sich heraus, dass es in Mount Garnet so staubig ist, dass man sich tatsächlich mehrmals in der Woche mit Staubwischen beschäftigen kann, sollte einem je langweilig werden.

Am Freitag kamen Toni und Marcus dann wieder und blieben bis Montagmorgen. Und sie kochten viel Fleisch. Und aus Höflichkeit aß ich einiges davon. Was meine Eltern jahrelang nicht geschafften hatten, schafften mein Chef und meine Chefin, indem sie an meine gute Erziehung appellierten... Und so ging meine erste Woche in Mount Garnet zu Ende...
Aller Anfang ist schwer. Und ich hatte ihn überstanden.

- Larissa

Grund Nr. 3: Freiheit.


Freiheit. Seit 3 Wochen sind wir nun quasi auf uns allein gestellt und haben schon die ein oder andere Schwierigkeit gemeistert. Eine der guten Seiten, als Backpacker durch Australien zu reisen, ist zum Beispiel, dass wir einfach frei sind. Wir können zum ersten Mal in unserem Leben wirklich machen, was wir wollen - oder was unser Geld zulässt. ;) Jeden Morgen stehen wir auf und können entscheiden, ob wir z.B. nach einem Job suchen oder einfach mal einen Tag die Seele baumeln lassen. Es gibt keine Verpflichtungen, keine Eltern, die wollen dass man dies oder jenes erledigt, kein langfristiges Planen - es gibt eigentlich nur das Hier und Jetzt, und wir haben die Freiheit, es so zu gestalten, wie wir wollen. Das ist einfach ein tolles Gefühl und einer der vielen Faktoren, die für das "Abenteuer Australien" sprechen. Allein schon spontan einen Flug zu buchen, der in zwei Tagen geht - auf diese Idee würde man zu Hause nicht so schnell kommen. Wir sind frei, dahin zu gehen, wo wir hinwollen, wenn wir es wollen. Freiheit ist einfach einer der Gründe warum wir auf unserer Reise immer öfter das pure Leben spüren. :)